Der Dollar hat als Leitwährung lange geglänzt. Aber in Riad, Peking und sogar in Washington setzt langsam ein Umdenken ein.

 

Szene: US-Außenminister John Kerry sitzt auf einem Podium. Seit über einer halben Stunde redet er über den sogenannten Atomdeal zwischen dem Iran und dem Rest der Welt. Wir schreiben Anfang August 2015. Der bis heute in Amerika extrem umstrittene Deal ist drei Monate alt.

Einer der Zuhörer fragt nach: Hätte man den Deal nicht verhindern können? Hätte man den anderen Verhandlungspartnern, also etwa Großbritannien oder China, nicht mit Sanktionen drohen müssen, wenn sie sich mit dem Iran einlassen?

Kerry setzt zu einem Stakkato für die Geschichtsbücher an: „Machen Sie Witze“, fragt er. „ Wir sollen uns umdrehen und den Deal platzen lassen. Und dann sagen wir unseren Freunden und Alliierten, dass sie sich trotzdem an unsere Regeln halten müssen, oder es gibt Sanktionen? Meine Freunde – und ich spreche hier die Geschäftsleute an: Das ist ein Rezept für ein rasches Ende des US-Dollars als Reservewährung der Welt. Da brodelt es ohnehin schon länger unter der Oberfläche.“

Die Zuhörer sind jetzt sprachlos. Jahrelang wurde dieser Deal vorbereitet. Immer ging es um das iranische Atomprogramm. Um Terrorfinanzierung. Allerhöchstens um das iranische Bankensystem, das durch die Sanktionen vom Weltfinanzsystem abgeschnitten war. Aber um den Dollar? Um den ging es nie.

Außenpolitische Wende von Trump

Szenenwechsel: Jetzt sitzt ein gewisser Donald John Trump im Weißen Haus in Washington. Er hat im Wahlkampf so viele verrückte Sager losgelassen, dass wir längst zu zählen aufgehört haben. Aber zwei Dinge stechen hervor: Trump hat den Iran-Deal oft als „schlechtesten Deal aller Zeiten“ bezeichnet und mehrmals gedroht, ihn nachträglich platzen zu lassen.

Und Trump setzt auf eine außenpolitische Wende. Unter seiner Führung scheinen sich die USA wieder auf Russland zuzubewegen während die Stimmung mit China immer angespannter wird. Mit den alten Verbündeten in Saudiarabien hat sich Trump sogar schon auf Twitter beflegelt. Was könnte das für den Dollar bedeuten, der als Weltleitwährung ja immerhin so etwas wie das Betriebssystem der Welt darstellt?

Wie hat Kerry es ausgedrückt? „Das brodelt ohnehin schon unter der Oberfläche.“ Und er hat recht. Das aktuelle Geldsystem mit dem Dollar als alleiniges Zentrum steht tatsächlich unter Beschuss. Bisher hat es sich allerdings als äußerst widerstandsfähig erwiesen. Das ist ein wichtiger Punkt.

Trotz allem Säbelrasseln: Niemand hat ein Interesse an Chaos im System. Wir haben nur dieses eine. Bis jetzt zumindest. Anders als sein Vorgänger, die Währungsordnung von Bretton Woods, basiert das aktuelle Geldsystem nicht auf einem internationalen Vertragswerk, das von zig Staaten in mühsamer Kleinarbeit ausgehandelt wurde. Unser heutiges System fußt auf einem genialen Schachzug der Herren Richard Nixon und Henry Kissinger. Nachdem Präsident Nixon 1971 die Goldbindung des Dollars aufgehoben hatte, um den Abfluss von Goldbarren aus den Staaten zu stoppen, hat man einen anderen Deal im Nahen Osten geschlossen.

„Die Saudis haben eingewilligt, ihr Öl ausschließlich gegen US-Dollars zu verkaufen und die überschüssigen Dollars wieder in US-Staatsanleihen zu investieren“, erklärt Grant Williams in seinem neuesten Newsletter. Der ehemalige Banker schreibt seit 2009 einen der meistgelesenen Finanzletter: „Things that make you go hmmm.“

„Im Gegenzug würden die USA Saudiarabien mit Waffen versorgen und eine Sicherheitsgarantie ausstellen für die Saudis. Die leben ja, das muss man zugeben, in einer ziemlich schwierigen Nachbarschaft. Dieser Deal hat das Petrodollar-System geboren.“ Über die Jahrzehnte haben die Zentralbanken rund um die Welt gewaltige Berge an Dollars angehäuft, weil sie diese ja für den Ölhandel brauchten. Und Öl ist immer noch nicht wegzudenken aus der globalen Wirtschaft. Der Petrodollar wuchs sich rasch zu einem weltweit akzeptierten Standard aus. Aber dieses System hat Risse. Und trotz Kerrys Beteuerungen hat der Iran-Deal nicht wirklich geholfen.

China verkauft US-Staatspapiere

Das Regime in Teheran denkt gar nicht daran, sein Öl für Dollars zu verkaufen. Der iranische Zentralbankchef Walliollah Sejf hat dies im September der „Presse“ bestätigt: „Der Euro ist unsere wichtigste Handelswährung, weil wir in US-Dollar nicht handeln.“ Die zweitwichtigste Währung für den Ölproduzenten ist der chinesische Renminbi. Mit Peking handelt man auch ohne Dollar.

Das bedeute auch, dass China nicht mehr so stark auf seine Dollarreserven angewiesen ist. Und siehe da: Bereits im November 2013 hat die chinesische Zentralbank ein Signal ausgesendet. “Es ist nicht mehr zu Chinas Vorteil, ausländische Währungsreserven zu akkumulieren.” Kurze Zeit später hat China angefangen, seine Dollarreserven aktiv abzuverkaufen. Gleiches geschieht in Saudiarabien. Liegt der Peak für die Anhäufung von Dollarreserven bereits hinter uns?

Selbst in Amerika hat inzwischen mancherorts ein Umdenken eingesetzt. So hat der US-Ökonom Jared Bernstein schon vor zwei Jahren gefordert, den Dollar vom Thron zu stoßen: „Was früher ein Privileg war, ist heute eine Bürde, die das Jobwachstum untergräbt, die Budget- und Handelsdefizite aufbläst und Finanzblasen erzeugt. Um die US-Wirtschaft wieder auf den richtigen Pfad zu bringen, muss die Regierung ihr Ziel aufgeben, den Reservewährungsstatus des Dollars aufrecht zu erhalten.“ Bernstein ist nicht irgendwer. Bis 2011 war er ein ökonomischer Berater des Weißen Hauses.

Manche von Trumps Ideen passen zur Argumentation von Bernstein. Etwa das Versprechen, Jobs ins Land zurückzuholen. Gleichzeitig ist ausgerechnet Henry Kissinger wieder aufgetaucht. Er will zwischen Trump und dem russischen Präsidenten Vladimir Putin vermitteln. Die Frage ist nur: Geht es ihm um die Wiederbelebung des Petrodollar? Oder um dessen geordnete Demontage?

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(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 21.01.2017)